Ein Kulturdenkmal von nationalem Rang
Kommentierte dendrochronologische Datierung des ehemaligen Hospitals
Erstellt im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen,
vertreten durch Herrn Dr. Wolf
Büro für bau historische Gutachten - Dr. Hans-Hermann Reck - Wiesbaden
im Juni 2011
Das weit außerhalb der ummauerten Altstadt von Zierenberg im Tal der Warme gelegene ehemalige Hospital, ein ungewöhnlich großer, zweigeschossiger Massivbau, soll 1798/99 anstelle einer ehemaligen Branntweinbrennerei errichtet worden sein.
Andere Autoren sprechen nur von einer Umnutzung samt eingreifendem Umbau der Brennerei.
Zu einer Datierung in das ausgehende 18. Jahrhundert passen die
schlichten, spät- bis nachbarocken Formen des Äußeren. Die Feststellung über beide Vollgeschosse durchlaufender Ständer im Inneren und die Inschrift ANNO DOMINI 1593 über einem Eingang auf der
Rückseite ließen jedoch die Vermutung begründet erscheinen, das Gebäude sei 1798/99 tatsächlich nur eingreifend umgestaltet worden, im Kern aber älter, eventuell sogar noch spätmittelalterlich.
Seit einem erneuten Umbau in den 1980er Jahren diente der Bau für rund zwei Jahrzehnte als Gaststätte und Diskothek, bis ein Brand, der allerdings die Rohbausubstanz kaum in Mitleidenschaft zog,
dieser Nutzung ein Ende bereitete. Seitdem steht er leer.
Vor einer sich abzeichnenden Sanierung für eine neue Funktion wünschte das Landesamt für Denkmalpflege (Referent: Herr Dr. Wolf) eine Altersbestimmung des heute sichtbaren Baubestandes und möglichst auch die Klärung der Frage nach der Existenz eines eventuellen mittelalterlichen Kerns sowie dessen Datierung.
Den Auftrag zum vorliegenden Gutachten erteilte das Landesamt am 4.2.2011.
Schon rund zwei Wochen später, am 17.2.2011, war die intensive Besichtigung des Gebäudes möglich, verbunden mit der Entnahme von vier Bohrkernen zur dendrochronologischen Datierung.
Bereits die Analyse der teilweise freiliegenden Rohbausubstanz hatte die Aussage bestätigt, das Hospital sei 1798/99 in einem vorhandenen Gebäude eingerichtet worden. Doch war von dem hierfür erforderlichen Umbau nur das Innere betroffen, während das Äußere nahezu unverändert blieb. Die Umfassungsmauern, das Dachwerk mit den Fachwerkgiebeln und den beiden Zwerchhäusern sowie Teile der Innen konstruktion in beiden Vollgeschossen stammen hingegen, dem Ergebnis der dendrochronalogischen Datierung zufolge, von einem einheitlichen Neubau im Jahr 1782.
Ältere Substanz konnte an keiner Stelle gefunden werden.
Bestand und Befund
Der mit seiner nördlichen Traufseite an der Dörnbergstraße stehende Bau ist
knapp 38 Meter lang und gut 13,5 Meter breit. Die bis in Traufhöhe aus Bruchsteinen gemauerten Umfassungswände werden durch gleichmäßig gereihte segmentbogige Fensteröffnungen in 12 mal 5 Achsen
gegliedert. Über dem wohl bauzeitlichen Eingang in der Mitte der Ostseite ist die Fensteröffnung des Obergeschosses länger als alle übrigen. Sämtliche Öffnungen sind mit einem hölzernen Stock
gefasst, und zwar in der äußeren wie in der inneren Wandflucht. Die Inschrift mit der Jahreszahl 1593 auf der Rückseite des Gebäudes wurde beim letzten Neuverputz in den noch feuchten Putzmörtel
eingeritzt und stammt aufgrund der Ziffernform eindeutig aus dem 20. Jahrhundert.
Das mit 4r Neigung nur mäßig steile Satteldach schließt an beiden Enden mit einem Giebel in schlichtem, konstruktivem Fachwerk ab. Ebenfalls aus Fachwerk bestehen die beiden Zwerchhäuser, die über
den beiden mittleren Achsen der Traufseiten angeordnet sind. Ihr Dach erreicht die Firsthöhe des Hauptdaches und ist wie dieses mit einem sehr kleinen, flachen Krüppelwalm versehen.
Das Innere ist konstruktiv und teilweise auch räumlich in drei Schiffe gegliedert, von denen die beiden äußeren etwa 4,6 Meter breit sind. Das mittlere Schiff erreicht mit ca. 2,2 Metern nicht einmal
die Hälfte dieses Maßes. Vor dem Umbau zur Gaststätte in den 1980er Jahren bildete es im Obergeschoss einen durchlaufenden Längsflur, der an beiden Seiten von kleinen, jeweils auf eine Fensterachse
bezogenen Räumen begleitet wurde. Im stärker veränderten Erdgeschoss lässt sich nicht mehr erkennen, ob hier eine ähnlich konsequente Raumstruktur bestand. Der große Dachraum ist nicht unterteilt;
nicht einmal die beiden Kehlbalkenlagen sind hier zur Herstellung begehbarer
Böden genutzt. Beim Umbau zur Gaststätte wurden für die Herrichtung einer Diskothek östlich der Gebäudemitte auf eine Länge von knapp 12 Metern und in der ganzen Breite sämtliche Zwischenwände und
auch die Erdgeschossdecke beseitigt. Lediglich vier starke Holzstützen unter den beiden Längsunterzügen der Obergeschossdecke blieben erhalten
Ganz ähnliche Stützen finden sich auch in der eigentlichen Gaststätte im westlichen Teil des Erdgeschosses. An mehreren Stellen ist aufgrund von Beschädigungen oder Freilegungen der Rohbausubstanz zu
erkennen,
dass sie ebenfalls ins Obergeschoss durchlaufen und dort die Längsunterzüge
tragen. Nur im Bereich der beiden östlichen Fensterachsen ließen sich trotz Sondierung an den fraglichen Stellen keine solchen Stützen finden. Deshalb war dieser Bereich wohl von Anfang an in der
heutigen Weise zu Wohnräumen unterteilt. Eingehendere Untersuchungen verhinderte hier die derzeitige Wohnnutzung. Für den gesamten Bereich westlich der Wohnräume konnten bislang zweimal drei
Stützenpaare festgestellt werden. Ein weiteres Paar müsste zwischen diesen beiden Gruppen bestanden haben und ist vielleicht sogar noch in der Westwand der Gaststättenküche erhalten. Grundsätzlich
sind die Stützen alle gleich gestaltet: Nur grob zum Vierkant behauen und ohne jegliche Verzierung laufen sie von einem mehr oder weniger hohen, vielleicht nicht immer originalen Sockelstein bis zum
Längsunterzug der Decke durch, zu dem hin sie durch zwei kurze Kopfstreben ausgesteift waren. Die Zapfenlöcher der wohl ausnahmslos beseitigten Streben konnten an mehreren Stellen dokumentiert werden
Abweichend von dieser Grundform besitzen die beiden östlichen Stützenpaare Sattelhölzer, in welche auch die Kopfstreben eingezapft waren Die Erdgeschossdecke und sämtliche Zwischenwände im Bereich
der durchlaufenden Stützen wurden nachträglich eingebaut, wie die Verbindung ihrer Gefügehölzer mit der bauzeitlichen Konstruktion durch ganz kurze, teilweise eingeschleifte Zapfen belegt.
Das einheitlich aus Eichenholz abgebundene Dachwerk ist als Sparrendach mit zwei eingezapften Kehlbalkenlagen konstruiert. Die Lastabtragung und die Aussteifung erfolgt im ersten Dachgeschoss durch
einen dreifach, im zweiten durch einen einfach stehenden Stuhl mit elf Säulen in jeder Reihe. Die Säulen an den beiden Enden der Stuhlrähme sind in die Fachwerkgiebel integriert die übrigen stehen,
mit einer einzigen Ausnahme, über den Achsen der Stützenpaare unter der Obergeschossdecke bzw. der Querwände im östlichen Wohnbereich. Die Längsaussteifung übernehmen durchweg kurze Kopfstreben Die
Stuhlsäulen
der beiden äußeren Reihen im ersten Dachgeschoss und diejenigen im zweiten
Dachgeschoss sind (bzw. waren) außerdem durch abwechselnd nach Norden und
nach Süden gerichtete lange Fußstreben in der Querrichtung ausgesteift. Eingebeilte Abbundzeichen zählen die Säulen von Osten nach Westen
durch. Die beiden Zwerchhäuser gehören zum Abbund des Dachwerks, wie die vernagelte Verzapfung ihrer Seitenwände mit den entsprechenden Dachsparren belegt
Dendrochronologische Datierung
Die vier Bohrkerne wurden aus folgenden Hölzern entnommen:
Erstes Dachgeschoss
1 Mittlere Stuhlsäulenreihe, fünfte Säule von Osten
2 Nördliche Stuhlsäulenreihe, sechste Säule von Osten
Erdgeschoss
3 Südliche Stützenreihe, dritte Stütze von Westen
4 Südliche Stützenreihe, östliche Stütze
Die Proben 2 und 4 stammen aus einer Fällung im Winter 1781/82, Probe 1 aus dem Sommer 1782. Probe 3 hat durch den Brand die Waldkante verloren, gehört aber mit ihrem Endjahr 1776 und der
Splintgrenze 1763 in den selben Zusammenhang, wie das Blockdiagramm eindrücklich zeigt.
Ergebnis
Der stattliche Bau wurde in einem Zuge zu Beginn der 1780er Jahre errichtet, vielleicht sogar innerhalb des Jahres 1782. Seine äußere Erscheinung hat sich bis heute so gut wie nicht verändert. Im
Inneren war er bis auf die (Wohn-)Räume in den beiden östlichen Achsen nicht weiter unterteilt, sondern bildete eine fast 30 Meter lange, 11,5 Meter breite und rund fünf Meter hohe Halle, in welcher
als Teile der Baukonstruktion nur die sieben Stützenpaare für die Längsunterzüge der Dachbalkenlage standen. Als Nutzung dieses ungewöhnlichen Gebäudes kommt eigentlich nur eine
protoindustriell-gewerbliche in Frage. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatten z. B. die großen Spinnereien und Webereien ähnlich dimensionierte und konstruierte Bauten. Einen zusätzlichen
Hinweis auf eine gewerbliche Nutzung könnte ein bislang nicht erklärbarer Befund an der östlichen Schmalseite geben. Hier zeichnet sich unter den beiden südlichen Fensterachsen ein großer gemauerter
Bogen ab, der heute weitgehend vom Außenniveau verdeckt wird (Foto 2). Denkbar ist, dass ein von der Warme abzweigender Werkgraben in das Gebäude geführt wurde, sei es zum Antrieb von Wasserrädern,
sei es zur Gewinnung von Frischwasser oder zur Abführung
von Abwasser. Wie so vielen industriellen Neugründungen scheint dem Unternehmen kein Erfolg beschieden gewesen zu sein, so dass seine Baulichkeiten bereits knapp zwei Jahrzehnte später zur
Einrichtung des Hospitals angekauft werden konnten.
Als wahrscheinlicher, in seiner äußeren Erscheinung nahezu unveränderter und auch in seiner Rohbausubstanz kaum beeinträchtigter früher Industriebau aus dem Jahr 1782 kommt dem Gebäude ein hoher historischer Zeugniswert zu, der es zu einem Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung macht. Der Schutz des Gebäudes muss sowohl den auch künftig ungestörten äußeren Eindruck als auch die Erhaltung der gesamten bauzeitlichen Rohbausubstanz zum Ziel haben.
Schwieriger ist die Bewertung des Umbaus zum Hospital 1798/99: Zwar sind die hierfür erfolgten Umbauten von geringerer bautechnischer Qualität und durch die neuerliche Umformung zur Gaststätte in den 1980er Jahren vor allem im Erdgeschoss stark reduziert worden, aber doch
für die Sozialgeschichte nicht nur der Stadt, sondern auch der Region von erheblicher Bedeutung.
Deshalb sollten auch die verbliebenen Reste dieses Umbaus im Obergeschoss so weit wie möglich in ein neues Nutzungskonzept integriert werden. Im Bereich der Gaststätte und der Diskothek bestehen mehr Spielräume für die Neuplanung als in vielen anderen Kulturdenkmälern.

